Geschichte der Physiotherapie
Eine historische Rekonstruktion der Entwicklung meines Berufes.
Warum Geschichte
Schon während meines Studiums (1994–1997) habe ich mich bei fast allen Fächern der Physiotherapie gefragt, warum, wozu und wie sich so ein Denken entwickelt hat und wo es eigentlich hinführen soll. Durch den Versuch, diesen Beruf historisch aufzubauen und zu verstehen, habe ich meinen Weg gefunden, diesen Beruf losgelöst von Politik und Verwaltung besser zu verstehen.
Es interessiert mich und es macht mir Spaß zu recherchieren, was alles passiert ist und was noch kommen wird. Die folgende Anekdote von Eric Kandel beschreibt meine Einstellung sehr gut: Kurz nachdem Archibald Vivian Hill im Alter von 36 Jahren den Nobelpreis für seine Arbeit über den Mechanismus der Muskelkontraktion erhalten hatte, hielt er 1924 auf einer wissenschaftlichen Tagung einen Vortrag über dieses Thema. Als er geendet hatte, erhob sich ein älterer Herr und fragte ihn nach dem praktischen Nutzen seiner Forschungsarbeit. Hill überlegte einen Moment, wandte sich dem Fragesteller zu und sagte lächelnd: Um die Wahrheit zu sagen, mein Herr, wir machen das nicht, weil es uns nützt, sondern weil es uns Spaß macht.
Das Wort Physiotherapie
Das Wort beziehungsweise die Berufsbezeichnung Physiotherapie habe ich zum ersten Mal in deutscher Sprache in einem Werk von Lorenz Gleich aus dem Jahre 1860 gesehen. Höchstwahrscheinlich wurde es auch schon 50 Jahre früher verwendet, ich habe aber bis heute keine Quelle in die Hand bekommen.
Altgriechisch: φύσις phýsis, deutsch Natur, Körper und θεραπεία therapeía, deutsch Dienen, Pflege, Heilung.
Die internationale Physiotherapie ist heute eine therapeutische Wissenschaft, die durch Anwendung geeigneter Behandlungsmethoden physiologische und psychologische Anpassungsmechanismen auslöst, um die körperlichen Funktionen des Menschen zu begleiten, zu erhalten, zu stabilisieren, zu fördern und zu verbessern.
Das Wort Kinesiotherapie wird durch Professor C. A. Georgii (1808–1881) erwähnt. Um 1857 entstanden die Begriffe Cinésiologie und Cinésiotherapie. Um 1889 kam es mit der Gründung der Ecole Française d'Orthopédie et de Massage in Paris zu einer weiteren Verbreitung.
Physiotherapie als Wissenschaft und Kultur
Die Geschichte der Physiotherapie ist ein Kapitel der Geschichte der Allgemeinmedizin. Physiotherapie ist das Wissen der Allgemeinmedizin. Historisch kann und will ich weder Therapieformen noch Persönlichkeiten allein der Geschichte der Physiotherapie zuordnen.
Für mich ist Physiotherapie auch Kunst – sie braucht Kreativität, Kunstfertigkeit, Kultur und eine aufgeklärte Gesellschaft. Im Klartext: Die Physiotherapie überlebt und entwickelt sich nur in einer stabilen Gesellschaft, in der Freiheit, Kultur, Geld, Erziehung, Bildung und Kunst im Überfluss vorhanden sind.
Nach Rom und Padua im 16. Jahrhundert, England (London) im 17. und 18. Jahrhundert, Österreich (Wien), Österreich-Schlesien, Schweden (Stockholm), Frankreich (Paris) und Deutschland (Berlin) im 19. Jahrhundert und Frankreich um 1940 liegen diese fortschrittlichen Zentren heute weit außerhalb Europas.
Die Geschichte beschäftigt sich gerne mit Helden und Bösewichten – ich werde hier beides erwähnen, damit die wahren Physiotherapeuten dazwischen zum Vorschein kommen. Die Geschichte der Physiotherapie besteht nicht aus Jahreszahlen, sondern aus Lebenserfahrungen, die durch Zeit, Umfeld und Gefühl erklärt werden.
Bedeutung der historischen Forschung
Geschichte und Medizin haben sich sehr früh und sehr gründlich mit ihrer Geschichte auseinandergesetzt. Sie haben früh erkannt, dass es ohne diese Aufarbeitung keinen wissenschaftlichen Fortschritt geben kann. Außerdem sind Ärzte stolz auf ihre Geschichte und haben Freude daran.
Aus dem Positionspapier der Sektion Historische Pflegeforschung (Deutsche Gesellschaft für Pflegewissenschaft) geht hervor, dass auch für die Physiotherapie folgendes gilt:
- Nur mit der fundierten Kenntnis der Vergangenheit können Situationen in der Gegenwart verstanden werden
- Nur mit Kenntnis der Vergangenheit des Berufs kann ein kritisches Berufsverständnis entwickelt werden
- Nur mit Kenntnis der Vergangenheit ist eine Veränderung gegebener Situationen zu erreichen
- Nur mit Reflexion der Vergangenheit ist Lernen möglich
- Die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit fördert Persönlichkeiten
- Kritisches Denken wird so gefördert
Wichtige Autoren und Persönlichkeiten
Aulus Cornelius Celsus (14 v. Chr. – 50 n. Chr.), Rom: Medizinische Lexikografie. Lucius Annaeus Seneca der Jüngere, Rom: Philosoph, Dramatiker, Naturforscher, Politiker, Stoiker.
Dr. Lorenz Gleich (1798–1865), München: Naturheilarzt, Systematiker des Naturheilverfahrens. Sein Buch von 1860 enthält eine Geschichte der Wasserheilkunde und der Physikalischen Medizin.
Hermann Nebel (1835–1930): Geschichte der Massage. Über Heilgymnastik und Massage.
F. Wetterwald, Paris (1912): Erstellte die erste mir bekannte ausführliche Geschichte der Physiotherapie.
Oskar Bernhard (1861–1939), Schweiz: Begründer der Heliotherapie.
Prof. Dr. med. habil. Alfred Brauchle (1898–1964): Arzt, Naturheilkundler. Werke: Naturheilkunde in Lebensbildern (1937), Zur Geschichte der Physiotherapie (1971).
Weitere Autoren: Paul-D. Lill (1978), Hans Christoph Kreck (1987), Reinhold Nitzschke (1990), Hans-Dieter Hentschel (1995), Sabine Ruth Welti (1997, Schweiz), Botomé und Rebelatto (1999, Brasilien), Julia Helene Schöler (2005), Dr. med. Uwe Heyll (2006), Gisela Coburger (2016, Manuelle Therapie in der DDR).
Historische Schulen und Ausbildungsstätten
Die erste Lehranstalt in Deutschland war die Massage-Anstalt in Berlin, Luisenstraße 3, unter der Leitung von Professor Dr. med. Zabludowski. Sie war ein Anbau in dem zur Charité gehörigen Gebäude. Zabludowski erstellte einen Katalog mit Aufgaben: Ausbildung von Ärzten und Medizinstudenten, wissenschaftliche Arbeiten auf dem Gebiet der Massage, mehrmonatige Ausbildung eines geeigneten männlichen und weiblichen Massagepersonals sowie Durchführung unentgeltlicher Massagetherapie für Patienten.
Johann Hermann Lubinus gründete eine private Schule mit einjähriger Ausbildung zur Staatlich geprüften Heilgymnastin. Voraussetzungen: einjährige turnerische staatliche Ausbildung, Alter zwischen 20 und 32 Jahren, Abgangszeugnis einer neunstufigen Mittel- oder höheren Mädchenschule, amtliches Führungszeugnis, monatliche Zahlung von 575 Reichsmark.
Der Berliner Arzt und Sanitätsrat Dr. Ludwig Greger gründete eine Privatschule für Heilgymnastik. Dr. med. Wilhelm Rohrbach erwarb diese Schule im Jahre 1922. Die Lehranstalt wurde 1924 staatlich anerkannt und unter dem Namen Greger's Privatschule für Heilgymnastik, Badewesen und Elektrotherapie fortgeführt. 1994 übernahm Diplom-Chemiker Bernd Blindow die traditionsreichen Schulen Dr. Rohrbach in seine Bernd-Blindow-Schulgruppe.
Die Sächsische Staatsanstalt für Krankengymnastik und Massage war die erste staatliche Schule. Die Bezeichnung Krankengymnastik wurde jetzt öffentlich.
Die Heil- und Erziehungsanstalt Friedrichsheim wurde nach Friedrich König benannt. Im Jahre 1923 wurde die Lehranstalt für Massage und später die Krankengymnastik (1928) gegründet.
Wolfgang Kohlrausch (1888–1980) gründete am Chirurgischen Universitätsklinikum in Berlin eine Krankengymnastikschule in einer laufenden Massageschule des Arztes Franz Kirchberg. Diese Schule zog später unter Prof. Lothar Kreuz von Berlin-Eichkamp in das Oskar-Helene-Heim nach Berlin-Dahlem um. Anna-Maria Hauptmann kam aus Freiburg als erste leitende Lehrkraft. 1955 wurde diese Schule zur staatlich anerkannten Krankengymnastikschule.
Im September gründete Rudolf Klapp die Schule für Heilgymnastik und Massage. 1946 wurde diese Schule vom Land Hessen übernommen und 1953 erhielt sie den Zusatznamen Rudolf-Klapp-Schule. Ab 1996 heißt sie Schule für Physiotherapie – Rudolf-Klapp-Schule.
Zusammen mit Hede Leube und Anna-Maria Hauptmann gründete Wolfgang Kohlrausch die Freiburger Krankengymnastikschule im Breisgau. Die Zusammenarbeit mit Hede Leube und Elisabeth Dicke führte zu einer raschen Weiterentwicklung der Krankengymnastik und zu neuen Behandlungsmethoden. Bei Luftangriffen 1944 wurden große Teile Freiburgs völlig zerstört, darunter auch die Krankengymnastikschule. Seit 2000 ist die Freiburger Schule für Physiotherapie eine Abteilung der Akademie für medizinische Berufe des Universitätsklinikums Freiburg.
Konrad Alexander Theodor Biesalski (1868–1930) richtete 1906 die erste soziale Rehabilitationseinrichtung in Berlin-Brandenburg mit zehn Betten für körperbehinderte Kinder und Jugendliche ein. 1914 gründete Biesalski zusammen mit Hans Würtz das Berliner Oskar-Helene-Heim in Berlin-Dahlem. Es ist der Beginn der modernen Krüppelfürsorge.
Am 15. Mai wurde die Krankengymnastinnenschule (ab 1948 Lehranstalt für Krankengymnastinnen) im UKE (Universitätskrankenhaus Eppendorf) eröffnet. Die ärztliche Leitung übernahm Oberarzt Dr. Karl-Heinz Schalda. Fachliche Leiterin wurde Christa Dültgen, die kurz vor ihrer Berufung als erste Krankengymnastin des UKE in der Orthopädischen Klinik eingestellt worden war. Christa Dültgen und Professor Joachim Harff (1910–1969) waren die Persönlichkeiten, die durch ihren Anspruch an sich selbst und an andere die Schule nachhaltig prägten.
Ab den 70er Jahren wurden immer mehr Schulen gegründet, allein im Zeitraum 1971–1998 waren es 225 Schulen in Deutschland.
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